Zur Hompage Bernd Kebelmann

 

Aufstieg, Blindflug, Horizonte

(Meine „Übersetzung der Formensprache“ in der Krefelder Tastwege-Ausstellung 1995 trug dem Titel „der Traum vom Fliegen“. Sie betraf alle elf Skulpturen dieser Dunkelausstellung. Der folgende Text zu den im Bild gezeigten Wandskulpturen ist ein 2005 gekürzter und leicht veränderter Ausschnitt.)

Den „Traum vom Fliegen“ im Kopf, im Dunkeln nach Sicherheit suchend, lege ich links und rechts meine Hände auf stumme Halbreliefs. Zwei hanfene Körper als Paar vor der Wand, leibhaftig, rundköpfig, Urgestalten mit gestrecktem Korpus – schöne, verlockende Träumer?
Es ist sanfthartes Holz, geripptes, gerolltes Hanf. Beide Stoffe enthalten Fasern aus Zellulose, Kettenringe aus Wasser und Kohlenstoff, chemisch dem Treibstoff ähnlicher als der Flugmaschine, mit der wir so gern in die Luft gehen. - Welcher Stoff aber treibt unsere Sehnsucht an, hinaufzusteigen, die Erde zu lassen, schnell wie ein Vogel, leicht wie der Wind gegen den Wind auf- und davon zu fliegen. Uralte Ikarische Tugend, mit wächsernen Flügeln in Richtung Sonne zu starten, voll Hoffnung, Furcht und Ahnung, in einem Meer von Gleichgültigkeit zu landen… alles nur Schein, Verblendung, Verirrung? - Im Dunkeln vergeht die Zeit wie im Fluge. Datums- und Bewusstseinsgrenzen verschwimmen, das soeben Erfasste verschließt sich erneut…
Die Verschlossenheit dieser Skulpturen macht mich beinahe wütend. Hände und Phantasie reiben sich an ihnen auf. Zählen, erzählen, das Schweigen brechen…
Ich zähle am linken Relief achtzehn, am rechten sieben verschlungene, straff gedrillte Seilschaften welcher Art, des Gewissens, des Denkens, der Macht? Vor mir, an dunkler Wand erhebt sich eine unnahbar glatte Mauer, undurchdringlich wie Festungstore, hinter denen womöglich Verliese lauern, für Generationen von Ketzern. Kerker für die ins Fliegen, ins Wagen verliebten Menschen. Prometheus' Geschöpfe, mit Hanf gebunden, an Wände geschmiedet, die Arme verdreht. Ihre Körper gefoltert, grausam beherrscht von der männlichen Disziplin, das Hängen und Harren, rädern und brennen unendlich oft geübt… Finstere Phantastereien, der drängende Wunsch zu fliehen. Fliegen und fliehen, ein explosives, existentielles Wunsch Tat Gemisch für Millionen Erdenbewohner. Für die einen zählt nur der Augenblick, schnelles Glück verheißend. Niemand fragt nach der Leere, der Hohlheit, die hinter der Bordzeit zurückfällt, in die Vergessenheit absinkt… Raum ohne Inhalt, Ort ohne Leben, Abfall. Müllhalde, Heimat der Flüchtenden…
Wachsende Fremdheit, Ratlosigkeit beim begreifen von Hanf und Holz, die mit Händen fassbare Ahnung: im Dunkel der Fluchten beginnen die Katastrophen, unbeobachtet, ungeahnt. Die erhitzten Gedanken fliegen. Meine linke Hand gleitet ab. Absturz und Ratlosigkeit. Eines nur ist gewiss: Holz und Hanf sind nicht schuld am wiederholten Fehlstart. Sie realisieren beides, den Segelflug und den Galgen, die Freiheit über den Wolken und die Freiheit der Galgenvögel, ihren Rabenflug durch die Nacht…
Plötzlich öffnet sich rechts das Visier, das eng gezahnte Gatter, die sieben Hanfspiralen, der dunkle Orakelmund. Aus seinem Rachen, der Rachehöhle steigt strafend und streng eine Stimme. Sie hat meine Navigation durchschaut, meine Denkrichtung im Visier: „du sollst keine anderen Götter haben…, im Himmel wie auf Erden…" – Wo bin ich, wer spricht? Da ist niemand!
Ungläubig tun, auf Holz klopfen, schweigend den Raum verlassen. Flieger sind abergläubisch.

[Entnommen dem Katalog „Tastwege“, Hrsg: Gemeinschaft Krefelder Künstler, Redaktion Willi Irmen, Viersen 1995]

Letzte Aktuallisierung: 16.03.2016
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