Zur Hompage Bernd Kebelmann

 

Im verdunkelten Ausstellungsraum



Kein All ohne Licht
Kein Körper ohne sein energetisches Äquivalent
Zu Einsteins Füßen haben wir das gelernt.

Ohne Licht gibt es keinen Raum
Ohne Raum existiert kein Körper
Ohne Körper ist keine Empfindung denkbar.

Ich glaube nur, was ich sehe

Ich sehe nichts. Was soll ich glauben?
Da haben wir das Problem…

[aus „Hölzerner Versuch über das Paradies“, Tastwege Dortmund 1994]



Warum störte ihn das Fehlen von Licht weniger als das Vorhandensein von Lärm?
Aufgrund der Sicherheit des Tastsinns in seiner festen, vollen, männlichen, weiblichen,
aktiven, passiven Hand.

[James Joyce in "Ulysses"]


James Joyce stört der Lärm, nicht das Dunkel. Sein Held vertraut auf den Tastsinn. Die Tastwege tun es auch: ein verdunkelter, stiller Ausstellungsraum - warum?
Unsere Wirklichkeit ist nur noch schwer zu durchschauen. Sie flimmert grell, elektronisch verfremdet vor überanstrengten Augen, ertränkt uns in einer berauschenden Bilderflut. Virtuelle Realitäten, phantastisch reale Träume, vor denen die Eindrücke anderer Sinne häufig genug verblassen.
Die Augen halten nichts fest, aber die Hände tun es.

Unser Bewusstsein verlangt noch immer nach Goethe'schen Muster „mehr Licht“. Oft jedoch sehen wir nur die Spots auf die täglichen Sensationen. - Gerade die Leuchtkraft, die Farbigkeit beliebig verfügbarer Bilder scheint es uns schwer zu machen, das „Licht der Erkenntnis“ dahinter noch wahrzunehmen. Die Wege dorthin erscheinen medial verbaut. Wir werden sinnlich bequem, verwöhnen unsere Augen, vergessen, missbrauchen die anderen Sinne, zuallererst die Ohren.
Dunkelheit und Stille des Tastwege-Ausstellungsraumes begrenzen unsere schweifende Neugier auf das Unmittelbare. Doch sie öffnen uns auch den Raum, weil sie seine Begrenztheit verbergen. Erst die Ohren messen ihn aus, mit Hilfe unserer Stimmen. Hände und Füße beginnen, ihn Stück für Stück zu ertasten. Der Körper erfährt ihn vor allem durch unmittelbaren Kontakt. Unter dem Ausschluss des Augenscheins öffnen sich unsere anderen Sinne, lernen von neuem, zusammen zu spielen. Darauf kommt es an.


Es ist ein Spiel, aber es braucht keine Bühne. Das Spiel beginnt, wenn sich der Vorhang schließt.
Dann öffnet sich mir der Raum. Ein grenzenloser Raum, weil er jede Begrenztheit verbirgt. Was er mir offenbart, sind Dunkelheit und Stille…
Jetzt greifen die Finger ein, unsicher, fahrig zunächst. Sie fahren umher, tasten sich vor, forschen aus, fingern herum.
„Fingo“ heißt auf lateinisch: ich streichle, bilde, forme, „ars fingendi“ ist die Bildhauerkunst…

[aus dem Vorwort zum Katalog „Tastwege“, Krefeld 1995]


Letzte Aktuallisierung: 16.03.2016
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